Reisebericht

pfeillinks 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 pfeilrechts

Madagaskar by bike:

Ein Felsmassiv aus Mythen und Kalksteinen. Der Isalo-Nationalpark, ein kleines Paradies im Nirgendwo.

Unberührbar majestätisch überragt das Kalksteinmassiv die endlose Hochebene um Ranohira. Nichts als mannshohes Gras, steinige Äcker und das morgendliche Grunzen einiger Schweine, die in den Höfen nach Essensresten schnüffeln. Am Straßenrand türmen Frauen Tomaten, Zwiebeln und Kartoffeln auf bunten Tüchern zu kleinen Pyramiden auf. Frischgebackene Weißbrote finden die ersten Käufer und nur eine Stunde später herrscht reges Treiben auf der Straße. Die Kunde, daß Weiße im Dorf eingetroffen sind, hat schnell alle potentiellen Guides zusammengetrommelt. Sylvain wird uns von der Parkaufsicht vermittelt. Für drei Tage lassen wir die Räder stehen, um durch die Canyons des Massivs zu wandern.

Bepackt mit 2kg Reis, Bananen, Ölsardinen und 3 Litern Wasser stiefeln wir los. Über 1 ½ Stunden stapfen wir über die ausgedörrten Felder, bis wir die steilaufragenden Felswände der Schluchten erreichen. Der Anblick ist überwältigend. Wo gerade noch dürre Graswüste herrschte, verwandelt plötzlich ein Bach den Canyon in einen immergrünen Garten Eden. Am liebsten möchten wir gleich weiterlaufen. Zuvor aber sollen wir unsere Zelte im Schatten der großen Mangobäume aufstellen und die Ruhe genießen: "Mora mora"- die sprichwörtliche Gelassenheit der Madagassen spannt uns auf die Folter.
Am Eingang zum Caynon des Rats entdecken wir eine kleine Höhle mit einer länglichen Holzkiste. "Hier bestatten wir unsere Toten", erklärt Sylvain "erst später kommen sie in die verstecken Höhlen da oben." Seine Hand deutet auf die entfernten Grate der Berge. Dort dürfen die Bara nicht einmal ihre hochgeschätzten Zebus weiden. Denn das Massiv ist das Reich der Ahnen. Im Laufe der Jahrtausende hat der Wind die bizarrsten Formen aus den Felsen geschnitten: Kathedralen, einen Hühnerdieb, eine Dame mit Hut. Ganz unvermutet lädt uns am Ende unserer Wanderung eine kleine Oase mit kristallklarem Wasser zum Baden ein. Ein überwältigendes Stück Paradies in dieser morbiden staubigen Einöde.

Dennoch zieht es uns weiter- an die Westküste nach Tuléar. Wie auf einer surealistischen skurrilen Kulisse stehen vereinzelte Palmen gleich versteinerter Zeugen auf der weiten Ebene. Die einzige Lebensader ist die Straße. Nicht nur Verkehr und Handel hat sie mit sich gebracht, sondern auch die Möglichkeit, in dieser unwirtlichen Gegend zu siedeln. Wasser wird in Tanklastern von der Küste antransportiert, während Holzkohle nach Tuléar gefahren wird. Der Handel ist improvisiert, feste Lieferzeiten gibt es nicht. Am Straßenrand stehen die Bauern und warten auf einen leeren Lastwagen, der mit einem Fingerzeig angehalten wird. Säcke mit Maniok werden aufgeladen und gegen ein entsprechendes Entgelt am vereinbarten Zielort abgeliefert. Nach drei Tagen erreichen wir Tuléar.

Angekommen am Kanal von Mosambik. "Wollen Sie Ihr Fahrrad tauschen .... ?"

1895 gegründet ist die Handels- und Hafenstadt eine der jüngsten Provinzhauptstädte Madagaskars. Die breitangelegten Boulevards und die großen Villen können ihre französischen Architekten nicht verleugnen und trotzdem gleicht Tuléar eher einer verlassenen Outbackstadt. Staub und Hitze verlangsamen das Leben am Tag. Erst gegen Abend verwandeln sich die Straßen in eine bunte Mischung aus Imbißständen, kleinen Geschäften und Open-air Werkstätten. Ein Schneider hat seine Nähmaschine auf dem Trottoir aufgebaut; Schuster basteln aus alten Autoreifen Gummisandalen und an der nächsten Ecke flickt ein Fahrradhändler mit akribischer Geduld einen Schlauch, den bereits über 20 Flicken zieren.
"Bonjour Vazaha", begrüßt er uns mit einem breiten Lachen. "Voulez vous trocquer les vélos?" Unsere Räder eintauschen? Noch nicht. Denn eine Woche bleibt uns noch, die Umgebung südlich von Tuléar zu erkunden.

So fahren wir, ohne zu ahnen, was auf uns zukommt, nach St.Augustin, dem ehemaligen Piratennest. Über die weißen Kalksteinfelsen zieht sich der Weg durch die Mangrovenwälder in den verschlafenen Ort, wo der Fluß Onilahy in die Meerenge von Mocambique mündet. Am Mittag über den Fluß zu fahren sei unmöglich, wollen uns die Bewohner klarmachen: "Der Wind ist viel zu stark". Endstation St. Augustin? Enttäuscht setzen wir uns an den Strand. Unsere Räder bleiben jedoch nicht lange ungenutzt. Immer mehr Jugendliche wollen ihre Fahrkünste testen und zwei von ihnen sind bereit, uns auf ihrer Piroge ans andere Ufer zu paddeln. Das Spiel der kräftigen Muskeln unter der dunklen Haut läßt das Boot die Wellen bezwingen.


zur Startseite